Was verstehen Christen unter "Wahrheit"? Glauben Christen, ihre Religion sei die wahre Religion?

In der christlichen Theologie ist Wahrheit kein Sachverhalt oder Tatbestand, sondern nach dem Zeugnis der Bibel eine Verhaltensweise. Wahr ist stets, was wahrhaftig ist. Wahrheit ist kein Zustand, sondern ein Geschehen - ein Geschehen zwischen wenigstens zwei Parteien. Dabei ist wahr, worauf man vertrauen kann, weil es sich als tragfähig erweist. Wahrheit kann nicht bewiesen werden, sondern wird bezeugt - ein Mensch bezeugt einem oder mehreren anderen, was er als wahr, als wahrhaftig erlebt hat.

Eng mit dem hebräischen Begriff ämät für Wahrheit ist ämunah: Glauben, Vertrauen. Dieser Begriff steht inhaltlich in enger Beziehung zu Gnade, Gerechtigkeit und Friede. Wahrheit ist also nicht zu denken ohne Gnade, Gerechtigkeit und Friede. Wer gnadenlos, unbarmherzig ist, wer gegen andere ungerecht handelt, wer nicht im Frieden verwurzelt ist, der lebt also nicht in der Wahrheit, der ist nicht wahrhaftig.

Nach dem Glauben der Christen ist allein Gott ganz und gar wahrhaftig; und diese göttliche Wahrheit ist in Jesus Christus Mensch geworden. Am Maßstab Jesu zeigt sich somit in letzter Konsequenz, was wahrhaftig ist. Gerade das Johannes-Evangelium verbindet im Hinblick auf Jesus die Wahrheit mit der Gnade (vgl Johannes 1,14-17 ).

Gnade und Wahrheit sind zwei Seiten einer Medaille - eine Wahrheit, die nicht zugleich gnädig ist, ist keine Wahrheit. Gnädiges Handeln dagegen ist immer wahres Handeln.