War Abraham mit seiner eigenen Schwester Sara verheiratet?

Und warum hat Abraham laut Bibel bei zwei Gelegenheiten gelogen und Sara nicht als seine Frau, sondern als seine Schwester ausgegeben?

Bibelstellen: 1. Mose 11,29-31 ; 1. Mose 12,10-20 ; 1. Mose 20,1-18 - siehe auch 3. Mose 18,9

Abram/Abraham

Bis 1. Mose 17,5 wird Abraham noch Abram genannt. Erst danach heißt er infolge eines Bundes mit Gott Abraham (und in 1. Mose 17,15 wird aus Sarai Sara). Dies jedoch nur nebenbei.

Eine Geschwisterehe

In 1. Mose 11,29-30 erfahren wir, daß Abram und Sarai verheiratet sind, jedoch nicht, wer Sarais Eltern waren.

Manche haben angenommen, daß Sarai identisch sei mit Jiska, der Tochter Harans, eines Bruders von Abram - und damit wäre sie auch Abrams Nichte ( 1, Mose 11,27-29 ), aber das ist Spekulation und wird von den meisten Auslegern zurückgewiesen.

Nach 1. Mose 20,12 ist Terach der Vater sowohl Abrams als auch Sarais (und auch der Vater von Haran); Abram und Sarai haben jedoch verschiedene Mütter, waren also Halbgeschwister.

Gemäß 3. Mose 18,9 ist die Geschwisterehe nach dem (allerdings erheblich späteren) mosaischen Gesetz verboten, doch zur Zeit Abrams und Sarais (zu Beginn des 2. Jahrtausend vor Christus) war sie möglicherweise gestattet (3. Mose wurde frühestens in der Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus niedergeschrieben, möglicherweise jedoch erst zu Beginn oder in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christus).

Die Bibel jedenfalls schweigt zu den Gründen für die (Halb-) Geschwisterehe zwischen Abraham und Sara und versucht nicht, diese zu erklären oder zu entschuldigen.

Eine Halbwahrheit

Bei zwei Gelegenheiten ( 1. Mose 12,10-20 und 1. Mose 20,1-18 ) verschwieg Abraham, daß Sara seine Frau war und gab sie als seine Schwester aus.

Rechtlich gesehen war das die Wahrheit, doch eigentlich nur eine Halbwahrheit, weil sie eben auch vor allem anderen seine Ehefrau war.

Abraham griff nach dieser Halbwahrheit, weil er fürchtete, daß fremde Herrscher ihn töten würde, um seine überaus attrative Frau Sara - die bei der ersten Gelegenheit vermutlich Anfang bis Mitte 30 war (die biblischen Altersangaben haben mehr symbolische als biografische Bedeutung) - besitzen zu können.

Abraham ging wohl davon aus, daß, wer immer Sara für sich haben wollte, mit ihm als ihrem Bruder langwierige Verhandungen würde führen müssen - um so genug Zeit zu haben, mit seiner Frau wieder in die Heimat zurückzukehren, ehe die Situation problematisch wird.

Somit erscheint Abrahams Vorgehen erst einmal als eine geschickte List - und sehr verlockend.

Nach Überzeugung vieler Theologen war die Befürchtung Abrahams um sein Leben und um seine Frau durchaus gerechtfertigt, doch in der Frage, ob auch die List gerechtfertigt war, gehen die Meinungen der Bibelausleger weit auseinander.

Manche meinen, Abram sei vom Glauben verlassen gewesen, als er seine Frau und Halbschwester als seine Schwester ausgab. Sein Verhalten zeige eine geringe moralische Gesinnung Abrahams.

Andere Ausleger versuchen um jeden Preis, Abrahams Verhalten zu verteidigen. Zum Zwecke der Verteidigung werden merkwürdige Konstrukte errichtet, auf die ich hier nicht weiter eingehen will. Manche haben dabei auch gleich versucht, das "Problem" mit der inzestuösen Geschwisterehe wegzuerklären.

Die Wahrheit ist, daß Abraham sich um seine Frau sorgte: "So sage doch, du seist meine Schwester, auf daß mir's wohlgehe um deinetwillen und ich am Leben bleibe um deinetwillen" ( 1. Mose 12,13 ). Abraham hat die Sorge um das Wohlergehen seiner Ehefrau über seine moralische Rechtschaffenheit gestellt.

Dennoch ist Abraham nicht ohne Schuld.

Seine Schuld war dabei weniger die moralische Schuld einer Halblüge, sondern die Schuld vor Gott wegen Kleinglaubens. Schon aus Kleinglauben verließ Abraham während einer Hungersnot Kanaan, um in Ägypten überleben zu können. Ihm fehlte der Glaube, daß Gott ihn auch in Kanaan versorgen würde. Dann, ander Grenze zu Ägypten, fehlte ihm der Glaubem daß Gott ihn und seine Frau beschützen würde.

Doch auch die moralische Schuld einer Halblüge lastet auf Abraham.

Abraham, das sehen wir hier, ist kein "Heiliger", kein Glaubensheld. Die jüdische Geschichtschreibung hat auch nicht versucht, diesen Makel von Abraham zu nehmen - lieber eine unverfälschte Bibel mit diesem unrühmlichen Bericht über Abraham, als eine verfälschte Bibel mit einer erfundenen Heiligenlegende!

Die Bibel berichtet von der ersten bis zur letzten Seite stets schonungslos über die Verfehlungen der "Glaubenshelden", über ihre Schwächen, über ihr Versagen. In der Bibel "menschelt" es. Die Bibel zeigt uns, daß Gott mit fehlbaren, moralisch fragwürdigen, kleingläubigen Menschen seine Wege geht - wir Menschen mögen krumme Linien vorzeichnen, doch Gott schreibt auf ihnen gerade!

Die Halbwahrheiten Abrahams sind sehr auffällige krumme Linien in der Bibel, und die Autoren der Bibel haben der Versuchung widerstanden, hier und da ein wenig nachzuhelfen und etwa die Schärfe herauszunehmen. Sie waren sich durchaus bewußt, daß sie die Bibel damit angreifbar machen - aber liebe das als eine Verfälschung.

So haben wir nun einen Bericht, der Abraham nicht gerade in einem optimalen Licht zeigt. Er begegnet uns hier ganz und gar als einer von uns - und doch läßt Gott ihn nicht fallen.

Das ist das, was auch für uns gilt: Egal, wie krumm wir die Linien in unserem Leben ziehen - Gott kann darauf gerade schreiben. Wir werden sündigen - doch Gott hält an seinen Verheißungen und Zusagen fest.