Immer wieder werden Muslime im Westen aufgefordert, sich vom "Islamismus", vom "Salafismus", von Terroranschlägen, Ehrenmorden, Antisemitismus usw. zu distanzieren.

Wer diese Forderungen erhebt, stellt Muslime unter einen Generalverdacht und verletzt das Prinzip des gegenseitigen Vertrauens, das eine wichtige Grundlage unseres Zusammenlebens darstellt. Dazu gehört auch, daß sich niemand dieses Vertrauen (wie auch Respekt) erst verdienen muß.

Solange Muslime sich nicht mit gewaltbereiten Muslimen solidarisieren oder dies in der Vergangenheit getan haben, müssen sie sich auch nicht von ihnen distanzieren. Eine Distanzierung setzt immer eine vorherige Solidarität voraus.

Nicht einmal eine möglicherweise große Zahl von Muslimen, die Gewalt bejahen, von Frauen Unterordnung verlangen, Apostaten bestrafen wollen usw. usf. berechtigt uns, von allen Muslimen eine Distanzierung zu verlangen.

Das gilt auch für problematische Interpretationen gewisser Verse im Koran oder bestimmter Äußerungen Muhammads (insbesondere aus seiner späteren Wirkungszeit in Medina). Wir können von Muslimen nicht einfordern, sich von etwas zu distanzieren, ehe sie sich nicht selbst in eindeutiger Weise und Gewalt bejahend gegen unsere Werteordnung geäußert haben (oder eine solche Äußerung durch ausdrückliche Zustimmung oder konkludentes Verhalten sich zu eigen gemacht haben).

Wer natürlich Gewalt ausdrücklich bejaht oder verteidigt, von dem dürfen wir eine eindeutige Distanzierung verlangen und ihm anderenfalls Konsequenzen ankündigen (z.B. Abbruch des Dialogs oder strafrechtliche Verfolgung).

Dabei gilt aber: Distanzieren muß sich derjenige, der eine Äußerungen gegen unsere Werteordnung getätigt hat - und gegebenenfalls noch sein Dienstherr (z.B. eine ihn beschäftigende Moscheegemeinde) oder jene, die unter seiner Leitung stehen. Die fehlgehende Äußerung eines Muslim erfordert aber nicht, daß sich nun alle Muslime des Landes distanzieren müssen.

"Schweigen ist Zustimmung" - zu oft verurteilt man die Muslime nach diesem Motto pauschal.

Aber die eigentliche Untat besteht darin, daß wir alle Muslime unter Generalverdacht stellen, wenn es zu einem Terroranschlag kommt, daß wir dann Distanzierungen einfordern und die Muslime pauschal verurteilen, wenn die Distanzierung nicht unseren hohen Erwartungen entspricht.

Ein großes Problem sind freilich Distanzierungen, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, sondern bestenfalls mit ihr Karusell fahren, sie schlimmstenfalls an die Wand fahren. Die liest oder hört man immer wieder nach Terroranschlägen. Da wird publiziert, was die Menschen hören sollen oder vielleicht auch gerne hören wollen - was aber nicht der Wahrheit entspricht. Ähnlich gelagert sind Rückfälle in einen Opfergestus, die leider auch immer wieder vorkommen.

Es bleibt noch ein letzter Punkt. Ich bin skeptisch, wenn von Muslimen erwartet wird, daß sie "den Koran nicht über das Grundgesetz" stellen sollen.

Als Christ - "man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen" - stelle ich nämlich die Bibel durchaus und ganz entschieden über das Grundgesetz (wobei sie mich sogleich grundsätzlich verpflichtet, der "Obrigkeit untertan" zu sein).

Natürlich lehrt mich die Bibel, daß Staat und Religion zu trennen sind, daß das Reich Gottes nicht von dieser Welt ist, ich also keinen Gottesstaat anstrebe, in dem Gottes Wille Gesetz sein solle, daß ich meinen Glauben nicht mit Gewalt ausbreiten oder auch nur verteidigen soll.

Aber sie lehrt mich auch, daß ich keinem ungerechten Gesetz Folge leisten darf, daß ich es nicht einfach hinnehmen darf, wenn Menschen aus einem ungerechten Grund verfolgt werden (darum bin ich auch sehr für das so genannte Kirchenasyl, wenngleich damit sehr konkret Gottes Wort über das Gesetz gestellt wird).

In manchen Fällen muß der Christ dem Tyrannen die Stirn bieten - gerade als Freikirchler, dessen "geistliche Väter" an dieser Stelle während der Nazi-Herrschaft weithin versagt haben, weiß ich um diese Pflicht, die ich als Christ habe.